
Tagung der Abteilung Germanistische Mediävistik und Frühneuzeitforschung am Karlsruher Institut für Technologie (Universität des Landes Baden-Württemberg und nationales Forschungszentrum in der Helmholtz-Gemeinschaft), Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften, in Zusammenarbeit mit dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe.
Organisation: Prof. Dr. Mathias Herweg (KIT), Prof. Dr. Stefan Keppler-Tasaki (FU Berlin)
6.-8. Oktober 2011 im Gartensaal des Karlsruher Schlosses
Das Symposion folgt zwei früheren Tagungen der Veranstalter zur neuzeitlichen Mittelalterrezeption in Berlin (2008) und Passau (2009) sowie dem Panel Rezeption des Mittelalters auf dem Freiburger Germanistentag 2010 (Sektion 2: Europäisches Erbe). Die beiden thematischen Schwerpunkte liegen auf zeitlich getrennten Epochen, die indes Wesentliches verbindet.
Das 16./17. wie das spätere 19. und frühe 20. Jahrhundert sind Hochphasen der Innovation, Exploration und entsprechenden Neustrukturierung des Weltbilds. Rationalisierung, Modernisierung und Ökonomisierung (wie ex negativo die Kritik an diesen Erscheinungen und/oder Wahrnehmungen) bestimmen weithin ihr Selbstbild, das sich besonders in Abgrenzung zu jenem ‚Anderen‘, teils frühmodern noch Fortlebenden, teils antimodern-zeitkritisch Beschworenen, teils modernistisch Pauschalisierten und Abgewerteten, konstituiert. Dieses ‚Andere‘ gewinnt spätestens seit dem 17. Jahrhundert in der Setzung ‚Mittelalter‘ Gestalt.
Bislang lagen und liegen die beiden Epochen, die die Tagung konzeptionell verbinden möchte, zumindest nicht im Brennpunkt der Mittelalterrezeptionsforschung. Während es für die Frühe Neuzeit vor allem um Fragen und Abgrenzungsprobleme von (latenter oder handfester) Kontinuität und Rückgriff gehen wird, erweisen sich die Mittelalterinteressen und Mittelalterimaginationen im Horizont einer expandierenden Technik-, Industrie- und Massenkultur als mentalitäts- wie mediengeschichtliches Feld von Regressionsbedürfnissen. Spezifisch literarische Rekurse wie der histori(sti)sche Roman interessieren dabei ebenso wie Momente kompensatorisch-evasiver oder produktiv anverwandelnder Rezeption in Bildender Kunst, Musik, Architektur (hier etwa gotisierende Industriedenkmäler; Kaufhäuser als 'Kathedralen der Neuzeit'), wie Einflüsse vormoderner Kunstsprache auf avantgardistische Strömungen (wiederum in Literatur, Bildender Kunst, Architektur sowie im frühen Film gleichermaßen), wie schließlich die Virulenz mittelalterlicher ‚lieux de mémoire‘ für nationenspezifische Identitätsbildungs- und Abgrenzungsprozesse (etwa die Konjunkturen des Nibelungen-, Jeanne d'Arc- und Artusmythos in den jeweiligen nationalkulturellen Kontexten).
Die Vorträge reichen mediengeschichtlich von Mittelalterimaginationen der frühen Buchdruckzeit bis in die Frühzeit des Kinos. Ein die Tagung abschließender Themenkreis gilt der Geschichte und den Strategien der touristischer Öffnung und Vermarktung von Mittelalter in der Spannung zwischen Schau-Stellung und Ausstellung.

